Jubiläen sind dazu da, ordentliche Jubiläumsbiere zu brauen, keine Frage. Vor allem, wenn es sich um so runde Jubiläen wie einen 500. Geburtstag handelt. Das hat man letztes Jahr beim Reinheitsgebot gesehen: 1516-Biere überall. Das hat zwar den Bierabsatz nicht wesentlich nach oben getrieben, aber man war in aller Munde. Und in allen Medien. Jede Menge Werbung!

dsc_1707Da hat sich die evangelische Kirche gedacht: Was die mit dem Bier können, das können wir auch. Schließlich feiert man 2017 nicht weniger als 500 Jahre Reformation. Da muss doch was gehen oder: Eintrittswellen statt Austrittswellen, mehr Präsenz in den Medien, mehr Taufen, mehr Eheschließungen, mehr … Keine Ahnung, wie man als Glaubensgemeinschaft ein erfolgreiches Reformationsjahr definiert. Bei den Brauern wäre es einfacher: Da schaut mans ich die Zahlen an, die das statistische Bundesamt jedes Jahr veröffentlicht. Und die zeigen: So richtig viel hat 2015 nicht gebracht. Der Gesamtabsatz ist leicht gestiegen (+ 0,1 %), der Absatz versteuerter Biere dagegen um 0,6 % gesunken und beim vielleicht wichtigsten Faktor, dem Pro-Kopf-Konsum, zeigt die Statistik weiter nach unten.

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Quelle: https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/FinanzenSteuern/Steuern/Verbrauchsteuer/Brauwirtschaft.html

Aber von solchen Gedanken wollen wir uns den heutigen Reformationstag nicht vermiesen lassen. Heute darf gefeiert werden und das natürlich mit einem richtigen Luther- bzw. Reformationsbier. Schließlich ist vom großen Reformator bekannt, dass er kein Bierverächter war. „Wer kein Bier hat, hat nichts zu trinken“, ist als Zitat von ihm ünberliefert. Ein früher Bierbotschafter also. Der Deutsche Brauerbund wäre begeistert. Das Evangelisch-Lutherische Dekanat Bamberg hat sich deshalb  dazu entschlossen, ein historisches Reformationsbier herauszubringen, gebraut bei der Brauerei Beck in Trabelsdorf. Historisch ist natürlich immer ein wenig kritisch zu sehen. Die Biere aus dem 16. Jahrhundert dürften unsere verwöhnten Gaumen wahrscheinlich ziemlich ungenießbar finden. „Historisch“ heißt beim Reformationsbier zum Beispiel, dass es mit Emmermalz gebraut wurde. Auch dass das Bier Bio-Zertifiziert ist, kann man als historische Anleihe sehen. Mal ganz abgesehen davon, dass „Kirchenbiere“ eigentlich immer bio sein sollten, schon alleine wegen der Verantwortung der Schöpfung gegenüber. Außerdem ist das Bier – natürlich – naturtrüb.

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Bei der Farbe könnte man jetzt monieren, dass das feine bernsteingold für ein historisches Bier aus der Reformationszeit zu hell gewesen sein dürfte. Und natürlich hätte ein Bier von damals sicherlich auch ein wenig Raucharoma gehabt, alleine schon, weil sich ohne Feuer das Malz nicht hätte darren lassen. Würde man das jetzt alles bemängeln, wäre man allerdings päpstlicher als der Papst. Und mit dem hatte es Luther ja nicht, wie bekannt ist.

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Wie das Reformationsbier schmeckt? Da bin ich jetzt ein wenig zwiegespalten. Auf der einen Seite ist es nicht zu aufregend, was eine gute „drinkabillity“ bedeutet. Auf der anderen Seite fand ich es, als ich es bei einem evangelischen Kirchenfest probiert hatte, auch recht süßlich, was vor allem an den Zitrusnoten aus dem Hopfen und der Verwendung von Emmermalz gelegen haben dürfte. Wer jetzt meint, das Reformationsbier wäre so etwas wie ein Ur-Weizenbier, täuscht sich. Es ist eher ein spritzigeres Kellerbier, das nach meinem Dafürhalten mehr Ecken und Kanten, vielleicht ein wenig mehr Röstaromen und Bittereinheiten vertragen hätte. Wie gesagt, meine Meinung, aber vielleicht habe ich da zu sehr die katholische Brille auf. ;-) Das man das auch anders sehen kann und in dem Bier eine Art „Luther-Pale Ale“ sehen kann, zeigt die bislang einzige Rezension auf Ratebeer.

Quelle: https://www.ratebeer.com/beer/beck-bru-reformations-bier/506970/

Quelle: https://www.ratebeer.com/beer/beck-bru-reformations-bier/506970/

 

Auch wenn ich nicht alle Fruchtaromen nachvollziehen kann, in einem stimme ich der Rezension zu: Luther wäre bei dem Bier sicher skeptisch gewesen. ;-)

Was mich dagegen ein wenig gestört hat: Das Bier wurde obergärig eingebraut. Dagegen ist erstmal nichts einzuwenden. Im Gegenteil, es musste ja obergärig eingebraut werden, weil es Emmermalz enthält. Und – das ist das Dogma des Reinheitsgebots – wenn ein Bier anderes Malz als Gerstenmalz enthält, ist es (zumindest in Bayern) obergärig einzubrauen. Das ist quasi göttliches Gesetz, von Menschenhand gemacht. Und dagegen hätte ein Luther sicher rebelliert. Schließlich gibt sich der Bayerische Brauerbund in München bisweilen ähnlich allwissend und unfehlbar wie es die katholische Kirche tut (oder tat), wenn es um die Auslegung der reinen Lehre geht. Kurz gesagt:

Ich hätte mir im Reformationsbier durchaus ein wenig mehr „Reformation“ gewünscht.