Ok., ich laufe ein wenig anachronistisch – das Nürnberger Bierfest ist schon längst vorbei und die EM steht vor der Tür, aber statt mir ein Bier passend zum Fußball oder zur EM auszusuchen, mache ich mal wieder eine Bierfest-Rückschau. Denn sozusagen das wichtigste Bier des Bierfests, das Bier, das extra als Bierfest-Festivalbier eingebraut wurde, habe ich noch mit keiner Silbe erwähnt: das MinneSeidla der Schlossbrauerei Ellingen.

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Minne, Malz und mehr

Wenn ich den Braumeister Stefan Mützel richtig verstanden habe, ist das Bier unter anderem mit Hinblick auf den Geburtstag des Reinheitsgebots sozusagen als historisches Bier entstanden. Dsa machen ja viele Brauer, dass sie das historische Datum von 1516 im Blick wieder zurückblicken, was die Altvorderen so getrieben haben. Und meist kommen dabei schwere Biere mit mehr Stammwürze und mehr Alkohol auf den Markt. Für einen bestimmten Abschnitt unserer Braugeschichte stimmt das auch. In den letzten Jahrzehnten haben Biere an Stammwürze und z. T. auch an Alkohol verloren, davor waren sie durchaus stärker. Wenn das MinneSeidla aber nur eine Stammwürze von 10,4 % und einen Alkoholgehalt von 4,1 % hat, ist das kein Widerspruch. Im Gegenteil, es passt in die Zeit des Mittelalters, denn damals wurde viel leichter gebraut als heute. Schon die frührsten Quellen aus dem 10. Jahrhundert nennen Dünn- oder Nachbiere. Außerdem wurde (zumindest in Bayern) vor 1516 mit jedem zur Verfügung stehenden Getreide gebraut. Auch da orientiert man sich beim MinneSeidla an der Biergeschichte: Gersten-, Weizen-, Dinkel-, Roggen-, Hafer-, Emmer-, Einkorn- und Sorghummalz sind im Minneseidla drin. Und eine Schippe Rauchmalz, schließlich waren die meisten Biere früher rauchig.

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Wem jetzt Sorghum nichts sagt, der darf beruhigt sein. ich war da auch „blank“. Am letzten Malz soll der Berater Markus Raupach „schuld gewesen sein“, weil es ja schon 7-Korn-Biere gäbe und das Minneseidla damit das erste und einzige 8-Korn-Bier sei. Ob sich der Aufwand, so ein Urgetreide als Malz zu finden – die Mälzerei Steinbach hat es möglich gemacht –, lohnt, sei dahingestellt. Geschmacklich fällt es nicht auf – mal ganz abgesehen davon, dass man gar nicht wüsste, wo man es im Bier bei insgesa suchen sollte. Bei insgesamt 12 verschiedenen Malzen aus 8 Getreidesorten fällt es überhaupt schwer, die einzelnen Malz-Bestandteile auseinanderzuhalten. Selbst das Rauchmalz kommt im bernstein-trüben Bier nicht so deutlich heraus. Es stützt eher den interessanten Malzkörper, der sich erstaunlich feingliedrig zeigt. Bei so vielen Malzen könnte man ein schweres Bier erwarten. Dass es nicht so ist, ist der geringen Stammwürze geschuldet. Ein fruchtiges, fein Süßes Bier mit einem Hauch von Citrus und Säure, der aber zum Bier passt und es zu einem erstaunlich leichten Sommerbier macht. Insofern passt es doch in die EM-Zeit. Mit so ein paar Minneseidla könnte man sich ein Fußballspiel locker im wahrsten Sinne des Wortes „versüßen“. Mir hat das Minneseidla gut gefallen. So gut, dass ich mir gleich noch ein zweites geholt habe.

Super Bier, aber wie war das damals mit dem Reinheitsgebot?

Mit dem Bier habe ich kein Problem, aber mit dem, was man so „um das Bier herum“ liest. Da wäre die Sache mit dem Reinheitsgebot und der Historie. „Das „MinneSeidla“ soll in etwa dem fränkischen Bier aus der Zeit um 1516 entsprechen, als in Bayern das Reinheitsgebot erlassen wurde.„, kann man auf der Seite der Bierakademie lesen. Und weiterhin: „Nachdem das bayerische Reinheitsgebot 1516 in Franken noch keine Geltung hatte, dachte ich mir, es wäre doch interessant, einmal zu sehen, wie die Rezepturen zur damaligen Zeit in unseren Breiten ausgesehen haben.
Seit Anfang des 14. Jahrhunderts galt in Nürnberg z. B. ein viel älteres „Reinheitsgebot“: „Man schol auch kein ander chorn preuwen denn gersten allein, weder haber noch chorn noch dinkel noch waitze.“ In Nürnberger Bieren sollten also ausgerechnet weder Hafer (der tatsächlich in anderen Regionen häufig genutzt wurde) noch Dinkel noch Weizen verbraut werden. Im 14. Jahrhundert unterlag Ellingen übrigens der Burggrafschaft Nürnberg, nur  mal so nebenbei. Das Bamberger Reinheitsgebot von 1489 nennt dagegen nur Malz und schließt keine besonderen Malsorten aus, aber das hätte nie für Nürnberg oder Ellingen gegolten. Verschiedene Regionen hatten unteschiedliche Verordnungen und natürlich hat man sich nicht überall streng an jede Brauordnung gehalten, aber es kommt mir so vor, als hätte man irgendwie alles so lange gemischt, bis ein Bier herauskommt, wie man es sich vorstellt. Kann man machen, aber dann braucht man sich die Mühe mit dem historischen Background nicht machen. Ich weiß, an solchen Details stört sich sicher niemand außer mir, aber es fällt mir halt auf …

Und dann ist da die Sache mit dem Namen

Was in meinen Augen (als immerhin studierter Mediävist!!!) aber gar nicht geht, ist der Name! Nicht nur, dass es immer noch das Minnesänger Pils (damals gebraut von der Brauerei Gentner aus Wolframs Eschenbach, heute von der Klosterbrauerei Weißenohe) gibt, das namentlich sehr nahe liegt.

Minnesänger

Der Name hat auch keinerlei Bezug zu Nürnberg (die ja alles, aber nicht die Minnesänger-Hauptstadt ist) oder Ellingen oder dem Bierfest. Dementsprechend schwurbeln die Bierfest-Macher auch selbst auf der Homepage des Bierfestes:

Der Name ‚MinneSeidla‘ soll den Charakter dieser längst vergangenen Zeit symbolisieren, waren doch die Minnesänger in jenen Tagen mangels anderer Nachrichtenquellen die Überbringer aller wesentlichen Botschaften für die Bevölkerung.

Auweia!!! Da werden Minnesänger mit Bänkelsängern verwechselt!  Minnesang ist eine ritualisiert überhöhte Form der Liebeslyrik. Daneben gibt es noch die sogenannte Spruchdichtung bzw. Sangspruchdichtung, bei der ein „Berufsdichter“ moralische, religiöse oder politische Themen dirskursiv erörtert. Aber alle diese Literaturformen gelten dem Adel und nicht der Bevölkerung! Geschweige denn, dass Walther von der Vogelweide in irgendeiner Kaschemme auf der Bank stehend von den neuesten Untaten in der Region berichtet hätte! Wer kommt denn auf solche Gedanken? Man muss es ja nicht studiert haben, eine Minute googlen hätten gereicht. Bitte!!! Das geht nicht. Wenn ich einen hochdekorierten Biersommelier einen Schankkellner nenne, geht das doch auch nicht!

Meister Gottfried von Straßburg oder Heinrich Frauenlob waren sicher keine mittelalterlichen "Nachrichtenausrufer"!!! Abbildung aus: Die Minnesinger in Bildern der Manssischen Handschrift. Insel-Bücherei Nr. 450. Leipzig, o.J.

Meister Gottfried von Straßburg oder Heinrich Frauenlob waren sicher keine mittelalterlichen „Nachrichtenausrufer“!!!
Abbildung aus: Die Minnesinger in Bildern der Manssischen Handschrift. Insel-Bücherei Nr. 450. Leipzig, o.J.

Mal ehrlich, es gäbe in der Nürnberger Geschichte, auch vor 1516, genügend Figuren, denen man das Festbier hätte widmen können. Wie wäre es mit dem Meistersinger  Hans Sachs gewesen? Der war Nürnberger, passt in die Zeit um das Reinheitsgebot und zu ihm als Zunftmitglied und hätte ein ähnliches Bier übrigens auch charakterlich besser gepasst als zu den Minnesingern. Und wird ihm nicht auch ein Schwank über den berühmten „Bierkönig“ Gambrinus zugeschrieben? Warum also nicht Gambrinus-Trunk (Wobei es für die Marke Gambrinus einen Eintrag beim dpma  in der Nizza-Klasse 32 für Bier gibt) oder Meistersinger-Bier (der Schutz für die Marke Meistersinger-Pils, die es mal von der Schinner gab, scheint abgelaufen) oder Hans Sachs Ur-Seidla? Die Wortmarke Hans Sachs ist – wieder mal kurz beim dpma nachgeschaut – für Bier auch noch frei.
Bier hätte jedenfalls dem höfischen Ideal der Minnesänger sowas von überhaupt nicht entsprochen, egal, wie gut es gewesen wäre. Und deren „Stars“ hätten für die Namenswahl sicher nur Spott als „bürgerliche und bäuerliche Anbiederung“ übrig gehabt.

 

Ich weiß, hier geht es um ein gut trinkbares, sommerliches Festbier und nicht um historische und philologische Genauigkeit und man mag mich jetzt gerne einen „Korinthenkacker“ nennen, aber es stört mich, wenn ein gutes Bier und eine an sich gute Idee dadurch leiden …

Mein Fazi: Das Bier gefällt mir sehr gut, braut es wieder, aber nennt es bitte um!!!

Und wer auch immer den Namen verbrochen hat, mit dem würde ich das nächste Mal ein Wörtchen reden … ;-)