Der Führer durch die fränkische Bierwelt

Brauereiportrait Erlkönig/Bamberg (Nr. 1915 – 1920)

Ich fange mal mit einer “neuen Serie” an: den Brauereiprotraits. Statt nur ein Bier des Tages gibt es heute fünf – also das ganze Sortiment der neuen Brauerei Erlkönig in Bamberg.

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Je nachdem, wie man zählt, ist die neue Brauerei Erlkönig Bambergs zehnte, elfte oder gar zwölfte Brauerei. Derzeit gibt es an Braustätten:

  1. Brauerei Keesmann
  2. Mahr’s Bräu
  3. Fässla Bräu
  4. Brauerei Spezial
  5. Brauerei Schlenkerla Heller Trum
  6. Ambräusianum
  7. Brauerei Greifenklau
  8. Brauerei Kaiserdom
  9. Klosterbräu Bamberg (braut wohl noch in Bamberg)
  10. Braumanufaktur Weyermann® (wird als vermeintliche “Versuchsbrauerei” oft nicht gezählt)
  11. Röstmalzbierbrauerei Weyermann® (stellt das bekannte Sinamar® her, bei dem es sich technisch gesehen um ein Bier handelt, wenn auch kein pur trinkbares.)

Und dann hat im März dieses Jahres wie gesagt der Erlkönig im ehemaligen Fischerhof in Gaustadt eröffnet. Der Name Erlkönig verwundert im ersten Moment. Klar, jeder kennt die berühmten Zeilen:

“Wer reitet so spät durch Nacht und Wind,
es ist der Vater mit seinem Kind …”

Aber was soll Goethes Gedicht mit Craft Beer zu tun haben? Nichts. Es klingt halt gut, jeder kennt es … und selbst, wer mit Goethe nichts anfangen kann, der hat vielleicht die auffällig unauffällig getarnten Prototypen der Automobilindustrie im Kopf.

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Apropos jeder kennt es: Hinter dem Erlkönig in Gaustadt steht wohl die Brauerei Kaiserdom in Gaustadt, die es in Bamberg mit ihrem Bier (unter dem Namen Kaiserdom) ein wenig schwer hat. Zumindest kann man bei Weyermann® und bei german-breweries.com lesen, dass der Geschäftsführer des Erlkönigs Felix Wörner ist, der Junior der Besitzerfamilie der Brauerei Kaiserdom. Für Bamberger Biertraditionalisten ist so eine Info durchaus “wichtig”. Wem aber all die Legenden und Befindlichkeiten lokaler Biertrinker egal sind (weil er nicht aus Bamberg oder einfach “zu jung” dafür ist), mag es als Info einfach so hinnehmen. Und mittlerweile sieht es ja so aus, als hätten die Bamberger mit der Kaiserdom ihren Frieden gemacht. Schließlich kaufen nicht nur Touristen die schicken Flaschen mit den Alt-Bamberg-Bieren.

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Der Erlkönig dürfte noch weiter dazu beitragen, dass die Bamberger häufiger mal nach Gaustadt pilgern. Denn die Einrichtung und das Ambiente gefallen mir (und nicht nur mir) sehr gut. Die Mischung aus alt (alte Holzbierkisten an der Decke) und neu (Braunlage von Kaspar Schulz aus Edelstahl), Craft und Tradition – das passt zusammen und wirkt wie aus einem Guss. Nichts ist aufgesetzt, gekünstelt und affektiert. Bestellt man das Craft Beer Board, bekommt man eine kurze Einweisung, welche Biere man vor sich hat und was ihre Charakteristik angeht. Wer mehr Infos will, findet sie in der ausführlichen Getränkekarte. Das passt.

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Auf dem Craft Beer Board findet man von links nach rechts das European Amber Lager 1.0 & 2.0, das Ebony Smoke Touch, das American Pale Ale und noch ein Spezialbier namens Keute. Das sieht – abgesehen davon, dass die Schaumkronen bei unseren Boards schnell eingefallen waren und nicht alle Gläser gleich hoch gefüllt waren – ansprechend aus. Nur dass ein helles Bier nach einem dunklen, rauchigen Bier serviert wird, irritiert ein wenig. Also mal flugs einen der kompetenten Servicekräfte gegriffen und nachgefragt, wie man die Biere denn jetzt verkosten solle und warum das leichte Keute (oder die leichte Keute ?) nach dem Ebony Smoke Touch und dem Pale Ale serviert wird. Die Antwort überrascht den Craft Beer Nerd ein wenig. Denn die Biere werden wohl tatsächlich so präsentiert, weil es die optisch beste Wirkung sei. Und die Gäste würden sich beim Trinken schon selbst ihre Gedanken machen und nicht zwangsläufig von links nach rechts durchprobieren. Das kann man so sehen, ich hätte eine Verkostungsempfehlung trotzdem besser gefunden. Mein Rat wäre: Fangt mit der (oder dem ?) Keute an und arbeitet euch dann über die beiden European Amber Lager und das Pale Ale zum “Rauchbier” durch.

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Apropos Keute. Mir hatte dieser Bierstil ja überhaupt nichts gesagt. Und dabei kenne ich ja das eine oder andere schräge Bier. Laut Beschreibung soll es sich bei der (dem ? – Ich habe ja schon beim Artikel Probleme ;-)) Keute um so eine Art “Ur-Kölsch” handeln. Zudem soll es im Mittelalter umd eine Art “Gruit”, also um ein ungehopftes Kräuterbier gehandelt haben, das unter anderem mit Hafer eingebraut wurde. Hopfen soll erst im 17. Jahrhundert in dieses Bier gekommen sein. An Kräuter hat man sich beim Erlkönig leider nicht rangetraut, “Bier” darf die/das Keute trotzdem nicht heißen. Da macht sich wieder der Punkt mit der Rohfrucht bemerkbar. Unvermälzter Hafer darf in Bier nicht enthalten sein, vermälzter sehr wohl. Unvermälztem Getreide fehlen wichtige Enzyme, Rohfrucht kann also von der Bierhefe nicht verarbeitet werden. Nur mit Rohfrucht kann man also nicht brauen – außer man gäbe künstlich Enzyme hinzu. Bei einem Anteil von 10 bis 20 % Rohfrucht können die Enzyme im restlichen Malz die fehlenden Enzyme in der Rohfrucht aber ausgleichen.

Keute

Geschmacklich ist das/die gelbtrübe Keute nett, aber jetzt keine wirkliche Offenbarung. Es riecht ungewohnt hefig, schmeckt aber nicht unangenehm. Das helle Malz bildet einen leichten, eher schlanken Körper. Das Hopfenaroma übertreibt es nicht, auch die feine Säurenote passt zu dem leichten Bier mit der dezenten Bittere. Der Vergleich mit einem Kölsch liegt nahe – auch wenn so ein Kölsch nicht unbedingt das Lieblingsbier der Franken sein dürfte. Als nett trinkbares Sommerbier kann man es lassen. Ein wenig mehr Hopfenaroma hätte ich mir aber trotzdem gewünscht. Vielleicht etwas aus der Zitrus- oder Frucht-Richtung, die hätten dem Bier den letzten Kick gegeben.

EAL 1

Die nächsten Biere, die wir probiert hatten, waren das European Amber Lager 1.0 und 2.0. Die soll man unbedingt parallel probieren, denn beim EAL 2.0 wurde die doppelte Menge an Hopfenverbraut wie beim EAL 1.0. Oha! Bei “Craft” und “doppelte Menge” wird der Biernerd ja hellhörig und träumt von Sudkesseln, in denen vor lauter Hopfen die Würze kaum mehr Platz hat. Aber halt, wir reden hier von European Amber Lager, also genau genommen eine Art Kellerbier. Und das glänzt mit malzigen Aromen. Folglich ist von Hopfen beim 1.0 eigentlich nichts zu spüren. Ein klassisches bernsteinfarbenes Lager mit seinen Karamellaromen und einer leichten Süße – das gefällt, das schmeckt, auch wenn der Begriff European Amber Lager 1.0 im ersten Moment irritiert – oder “mehr” erwarten ließe.

EAL 2

Beim EAL 2.0 vermeint man übrigens tatsächlich schon mehr Hopfen zu riechen. Eine Hopfenbombe ist es aber trotzdem nicht. In einem deutschen Bier sind im Durchschnitt ja 1 Gram Hopfen auf 100 Liter. Die doppelte Menge macht da auch nicht viel mehr her. Dementsprechend ist das EAL 2.0 fällt die Herbe stärker aus, auch das Hopfenaroma ist deutlicher da, aber das Bier wirkt dadurch ein wenig trockener. Da gefiel mir das EAL 1.0 tatsächlich besser, weil es mehr oder minder genau dem entspricht, was man von einem fränkischen Lager erwartet. Das EAL 2.0 ist mehr der Typ “kernigeres” oder “kantigeres” Lager.

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Und jetzt endlich zum American Pale Ale – schließlich kommt der Craft Beer Fan nicht wegen “gewöhnlicher Lagerbiere” in so eine Kneipe. Er will Hopfen, er will exotische Fruchtaromen … Und die bekommt er bei dem bernsteinfarbenen Bier auch. Die Nase erschnuppert schon fruchtige Hopfenaromen und auch beim Geschmack kommen Chinook und Cascade durch.

Das American Pale Ale ist das zweite Bier von rechts.

Das American Pale Ale ist das zweite Bier von rechts.

Das Aroma spielt zwischen holzigen Noten von Pinie und Kiefer und tropisch-fruchtigen Aromen hin un her. Dazu kommt die angenehme Bittere und ein passend voller Körper. Bis zu diesem Punkt war das “APA”, das American Pale Ale, für mich das beste Bier des Abends.

Ebony Smoke Touch

Das letzte Bier, das wir auf dem Board getestet hatten, war das Ebony Smoke Touch, das auf dem Brett als drittes gereicht wird. Ich würde ja bei einer Verkostung das Rauchbier immer zum Schluss anbieten, aber das ist ein anderes Thema. Ein Rauchbier “muss” es in Bamberg geben, möchte man meinen. Aber tatsächlich machen von den Bamberger Brauereien nur fünf Rauchbiere: Schlenkerla, Spezial, Kaiserdom, Braumanufaktur Weyermann® und Greifenklau – und neu eben jetzt auch der Erlkönig. Dessen Rauchbier ist tatsächlich interessant und einzigartig, wie es die Bierkarte verspricht, denn neben den sehr kalt wirkenden Raucharomen kommt eine Kaffee- oder Moccaaromatik durch, wie man sie eher von einem Stout erwarten würde. Im Gegensatz zu einem Stout ist das Ebony Smoke Touch aber untergärig.

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Persönlich finde ich das Ebony Smoke Touch interessant, aber nicht unbedingt als “Trinkbier”. Aber in Verbindung mit Flammkuchen oder Ciabatta mit würzigem Käse, vielleicht auch Parmaschinken … Doch, da kann ich es mir gut vorstellen. Dem Ebony Smoke Touch würde ich noch eine Chance geben, wenn ich mal zum Essen in den Erlkönig ginge …

Craft

Was mich zu meiner Schlussüberlegung bringt: Was halte ich vom Erlkönig? Da bin ich jetzt tatsächlich zwigespalten. Ich finde es gut, dass es eine solche Brauerei/Bar in Bamberg gibt. Sie bringt frischen Wind in die Bierszene und spricht vor allem auch all jene an, die der urigen Bierromantik und der robusten fränkischen Freundlichkeit klassicher Brauereibedienungen nichts abgewinnen können. Hier wird das Thema Bier “aufgewertet”, lifestyle-tauglich gemacht. So eine Brauerei hat bisher in Bamberg gefehlt.

ABER … Die Bierauswahl hat mich ehrlich gesagt enttäuscht. Die beiden European Amber Lagerbiere sind in Ordnung, bekomme ich aber in gleicher Qualität und Geschmack überall auf dem Land – und dort “authentischer”, ohne die “Anglizismen-Attitüde”. Die passt nicht unbedingt zum Bier. Bei der/dem Keute bin ich unschlüssig. Letztlich überzeugt hat mich das Bier nicht. Das American Pale Ale ist gut, das Ebony Smoke Touch interessant – aber die beiden Biere alleine ziehen mich nicht in den Erlkönig. Wie wäre es, neben den eigenen Bieren noch ein paar ausgewählte in- und ausländische Biere anzubieten? Mit einer größeren Bierkarte wäre der Erlkönig ein echter Hotspot.

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Die Bierkarte deutet zwar an, dass es solche “Specials” immer wieder geben soll, aber wer fragt schon dauernd danach? Packt noch ein wenig mehr “Craft” auf die Karte, dann wäre der Laden für mich top! Aber ich habe da sicher auch andere Ansprüche als der Rest in Bamberg …

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