Der Führer durch die fränkische Bierwelt

Scherdel (Kulmbacher)/Hof: Zoigl (Nr. 1806)

Eigentlich wollte ich heute mal wieder ein Craftbier vorstellen, vielleicht etwas von der Hecht Bräu aus Zimmern. Hatte ich mir so überlegt. Aber dann bin ich gestern über ein Bild bei Facebook gestoßen, dass meinen Plan kurzfristig über den Haufen geworfen hat. Das besagte Bild möchte ich euch natürlich nicht vorenthalten.

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Quelle: https://www.facebook.com/OberpfalzBild/photos/a.388744917599.169776.180411052599/10153397350937600/?type=3&fref=nf

Echter Zoigl kommt aus der Oberpfalz! Mit der Forderung sieht man sich als fränkischer Bierblogger immer wieder mal konfrontiert, denn auch in Oberfranken gibt es Zoigl-Biere. Und die heizen die lustvoll zelebrierte fränkisch-oberpfälzische Feindschaft immer wieder an. Im Moment entzündet sich dieser Streit am neuen Zoigl der Brauerei Scherdel aus Hof, die Teil der Kulmbacher-Gruppe ist.

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Kann es einen echten Zoigl aus Franken geben? Kann es einen echten Zoigl von einer Brauerei, die Teil der größeren Kulmbacher Gruppe ist, geben? Gar einer Gruppe, die über die Brauholding International (BHI) mit Heineken verbandelt ist? Geht der echte Zoigl jetzt zugrunde? Fragen über Fragen, die sich nicht so leicht beantworten lassen. Denn selbst in der Oberpfalz ist man sich nicht einig, was “echter Zoigl” sein soll. Muss er vom Kommunbrauer kommen? Oder reicht es, wenn er von einer Oberpfälzer Brauerei kommt? Einig ist man sich, dass ein Zoigl aus Franken nicht geht.

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Das wird die Kulmbacher Marketingstrategen wenig stören. Was Zoigl ist, ist rechtlich nicht festgelegt. Zoigl ist kein regional geschützter Begriff. Platt gesagt ist Zoigl jedes Bier, bei dem der Brauer Zoigl auf die Flasche pappt! Und das haben Kulmbacher/Scherdel gemacht. Schließlich boomen authentische Bierspezialitäten. Wer auf dem schwierigen Biermarkt sein Heil nicht im Craftbier-Segment sucht, der legt sich unfiltrierte Zwickelbiere zu. Da macht sich der Scherdel-Zoigl mit seinem auf urig getrimmten Etikett gut. Und richtig trüb ist das Bier ja auch. Für mich wäre es aber trotzdem kein Zoigl – denn selbst, wenn ich kein Oberpfälzer bin, habe ich eine Vorstellung von so einem Bier. Und zu der gehört unter anderem, dass so ein Zoigl ein charaktervolles Bier ist. Ein wenig “kantig” vielleicht, aber eben auch authentisch. Und da fehlt es am Scherdel Zoigl. Der ist vordergründig hefig, hat einen recht flachen, milden Malzkörper mit leichter Süße und vor allem wenig Hopfen. Das mag nett trinkbar sein. Das mag so gewollt sein. Aber das ist nichts, was ich mit einem Zoigl verbinden würde. Und ehrlich gesagt ist das beste an dem Bier für mich der Kronkorken. Der ist wenigstens was für Sammler.

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Schaut man sich die Scherdel Homepage an, findet man die Beweggründe für dieses Bier. Da wird Scherdel Geschäftsführer Michael Krasser mit folgenden Worten zitiert: “Mit dem Scherdel Zoigl kommen wir dem Wunsch unserer Bier-Liebhaber nach handwerklich gebrauten, naturtrüben milden Bieren nach […]”
Dagegen ist nichts einzuwenden, nur nennt so ein Bier dann bitte Scherdel Zwickel oder Scherdel Naturtrüb. “Für uns als mittelständische Brauerei mit dem Schwerpunkt des Absatzgebietes im östlichen Oberfranken und der nördlichen Oberpfalz bietet es sich daher an, nun auch ein Zoigl zu brauen.“, führt Krasser weiterhin aus. Das widerspricht nun wirklich allem, was die Zoigl-Tradition ausmacht. Da reicht es eben nicht, die Oberpfalz als Absatzgebiet und ein nettes Retro-Etikett zu haben. Es ist ja selten, dass ich den Oberpfälzern mal recht geben muss, aber in dem Fall schon! Würde man dort den Scherdel Zoigl boykottieren, ich könnte es verstehen.

 

 

P.S.: Wollen wir wetten, welches unfiltrierte Retro-Bier Kulmbacher als nächstes aus dem Hut zaubert? In der Gestaltung erinnert mich der Scherdel Zoigl nämlich sehr an das Mönchshof Exportbier anno 1910. Ein paar Marken haben sie ja noch in ihrem Portfolio. Ich tippe auf ein Scheidmantel Kellerbier. Na, liebe Kulmbacher, enttäuscht mich nicht …

P.P.S.: Wer jetzt als Oberpfälzer Zoigl-Brauer meint, er dürfe den Spieß umdrehen und ein Kulmbacher Bier auf den Markt bringen, dem muss ich leider sagen, dass das nicht geht. Kulmbacher Bier ist nämlich eine geschützte geographische Bezeichnung. Da waren die Kulmbacher schneller als die Oberpfälzer. 😉

 

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