Der Führer durch die fränkische Bierwelt

St. Georgen Bräu/Buttenheim: Gold Märzen (Nr. 1196)

Manchmal schlägt so ein Gehirn ja die tollsten Kapriolen. Aber bedenkt mn es recht, sind die gedanklichen Purzelbäume, die unser Denkapparat so fabriziert, gar nicht sooooo daneben, wie es im ersten Moment scheint. Ich bin heute Morgen zum Beispiel aufgewacht, habe mir kurz überlegt, über welches Bier ich schreibe und hatte dann folgende Assoziationskette im Kopf:

6.3. – Märzen – Karl Marx –
Oktoberfest – St. Georgen Bräu/Buttenheim Gold Märzen

Gut, für den Biernerd ist das mehr oder minder – vielleicht bis auf den Ausrutscher in Sachen politischer und ökonomischer Philosophie – nachvollziehbar. Und für den Nicht-Biernerd immerhin noch der Anfang und das Ende dieser Kette. Schließlich haben wir März und da trinkt man ein Märzenbier wie das Goldmärzen der St. Georgen Bräu in Buttenheim.

Gold Märzen

Das ist übrigens eines der eher seltenen wirklich “goldenen” bis maximal bernsteinfarbenen Märzenbiere. Viele Märzen gehen ja farblich in eine dunklere Richtung. Hier ist – wie gesagt – der Name Programm. Was auch schon mal den Charakter dieses Bieres vorwegnimmt. Sind dunklere Märzen nämlich häufig von brotigen, schwereren und sogar richtig röstmalzigen Aromen geprägt, geht es hier nicht ganz so malzig zu. Zwischendrin darf sogar der Hopfen seinen Auftritt haben und dem Bier mehr Kontur geben. Aber bitte nicht zu viel, schließlich soll bei so einem Märzen “Hopfenaroma und -geschmack […] bei diesem Typ nicht im Vordergrund” stehen”, wenn man der Kategoriebeschreibung auf www.besser-bier-brauen.de folgt. Jedenfalls ist dieses Gold Märzen aus Buttenheim angenehm würzig, nicht zu süß, ausgewogen bitter – was vor allem daran liegt, dass es gegen Ende hin noch ein wenig zulegen kann. Das ist echt ordentlich – und da meine ich nicht nur die ordentlichen 5,6 % Alkohol.

Nur gehört es eigentlich nicht im März getrunken. Schließlich sind Märzenbiere die Biere, die zum Ende der Brausaison – die ging von Michaeli (29.9.) bis Georgi (23.4.) – stärker eingebraut wurden, damit sie den Sommer über in den tiefen (und mit im Winter dort eingelagerten Eis gekühlten) Felsenkellern fränkischer Brauereien lagern konnten. Märzen gehören eigentlich im Herbst getrunken. Der Urtyp des Oktoberfestbiers ist das Märzen und böse Zungen behaupten, dass sich die Wirte beim Oktoberfest ihres “alten Biers” entledigen wollten, um den Lagerkeller wieder leer für die neuen Sude der Brausaison haben zu können. Aber seit Erfindung der Kältemaschine durch Carl von Linde ist das alles kein Thema mehr. Seit den 1870er Jahren hat sich die Brautechnik vom natürlichen Jahresablauf entkoppelt – und dadurch der Biertrinker von den Hintergründen und Grundlagen des Bierbrauens wieder einen Schritt mehr entfremdet. Früher waren die gebrauten Biersorten viel stärker abhängig von regionalen Gegebenheiten (Brauwasser, vor Ort vorhandene Getreide- und Hopfensorten, lokales Klima). Biere waren so mehr “regional und kulturell” verwurzelt. Heute kann dank moderner Technik jede Brauerei alles herstellen: Hopfen und Malz lassen sich konservieren, Temperaturen beliebig dank Heiz- und Kältetechnik generieren, das Konsument und Produkt “entfremden” sich voneinander, werden nicht zuletzt dadurch auch austauschbarer: Dem Konsumenten ist es irgendwann mehr oder minder egal, wer sein “Pils” braut – und im Umkehrschluss suchen sich große Brauereien ihre Kunden auf der ganzen Welt. Wenn die Deutschen unser Pils nicht trinken, dann exportieren wie es halt nach China! Karl Marx hätte sich in seiner Theorie der Entfremdung bestätigt gesehen.

Allerdings liegt hier auch eine Chance für kleinere Brauereien. Mit ein wenig Aufklärungsarbeit beim Konsumenten kann man so ein Märzen als regionale und vor allem saisonale Spezialität aufwerten und sich gegen “beliebige Massenhersteller” profilieren. Wie wäre es mal mit einem Märzen, das tatsächlich wieder im Eiskeller reifen darf? Oder ein obergäriges Sommerbier, das im Frühling gebraut auch mal auf wetere Temperaturregulierung verzichtet? Vielleicht kann man damit sogar Geld sparen – schließlich werden die Energiekosten zum immer mehr Geld verschlingenden Moloch. Klar, diese Biere wären zeitlich nur begrenzt verfügbar. Und die Sensorik von Jahr zu Jahr unterschiedlich. Aber beim Bockbier funktioniert das doch auch …

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